Die vorliegende Fundgruppe umfasst zahlreiche Fragmente grün glasierter Ofenkeramik, die im Zuge von Untersuchungen innerhalb des Schlosses Angern aus Verfüllschichten unter den Fußböden des barocken Schlossbaues geborgen wurden. Von besonderer Bedeutung ist ein großformatiges plastisches Maskaron, das zu den auffälligsten und qualitätvollsten Keramikfunden der gesamten Burg- und Schlossanlage zählt.

Die Funde besitzen eine außergewöhnliche wissenschaftliche Aussagekraft, da sie nicht isoliert betrachtet werden können, sondern durch eine seltene Kombination aus archäologischem Befund, Baugeschichte und schriftlicher Überlieferung ergänzt werden. Besonders hervorzuheben ist die Inventaraufnahme von 1734, in der für die Turmstube ausdrücklich ein:
„eiserner Ofen mit einem Aufsatz von bunten Kacheln“
genannt wird. Da der Turm nachweislich im Jahr 1735 abgebrochen wurde, ergibt sich ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der schriftlich überlieferten Ofenanlage und den später im Neubaukontext aufgefundenen Keramikfragmenten.
2. Fundkontext
Die Fragmente stammen aus Schüttungen unter Erdgeschoss Fußböden des barocken Schlosses. Diese Schichten entstanden im Zusammenhang mit den Um- und Neubauten der Jahre 1734 bis 1735. Die historische Entwicklung der Anlage lässt sich dabei relativ klar nachvollziehen. Bis zur Zerstörung der Burg im Jahr 1631 bestand die mittelalterliche Hauptanlage mit Wohnturm und Wohnbauten. Nach den Zerstörungen blieb der Turm weiterhin erhalten und wurde über mehr als ein Jahrhundert genutzt. Noch 1734 wird die Turmstube als nutzbarer Raum beschrieben. Erst im Jahr 1735 erfolgte der vollständige Abbruch des Turmes. Die Keramikfragmente gelangten daher mit hoher Wahrscheinlichkeit unmittelbar im Zuge dieses Abbruchs in die späteren Verfüllschichten des neuen Schlosses.
Innerhalb des Fundmaterials treten neben den rein grün glasierten Fragmenten auch Stücke mit kombinierter grüner und manganbrauner Glasur auf. Ob sämtliche Fragmente ursprünglich zu einer einzigen Ofenanlage gehörten oder die Reste mehrerer Öfen innerhalb derselben Verfüllung vorliegen, kann derzeit nicht abschließend entschieden werden. Das Auftreten beider Glasurfarben auf einzelnen Fragmenten spricht jedoch dafür, dass zumindest ein Teil der bislang getrennt betrachteten Fundgruppen ursprünglich derselben Ausstattung angehörte.
3. Material und Herstellungstechnik
Die Fundgruppe besteht aus rotbrennender Irdenware mit überwiegend grüner Bleiglasur. Der Scherben ist relativ grob gemagert, jedoch sorgfältig gebrannt. Die Glasur zeigt eine für hochwertige Renaissancekeramik typische kräftige Farbigkeit und haftet trotz jahrhundertelanger Lagerung noch bemerkenswert gut.
Die Herstellung erfolgte in Modeltechnik. Mehrere Fragmente weisen identische Ornamentformen auf, was auf die Verwendung wiederkehrender Modeln schließen lässt. Die Qualität der Ausführung spricht für eine spezialisierte Hafnerwerkstatt und übertrifft deutlich die einfache regionale Gebrauchskeramik des 16. und 17. Jahrhunderts.

4. Beschreibung des Maskarons
Maskarone gehörten zu den bevorzugten Schmuckformen der Renaissance und erfüllten nicht nur dekorative Funktionen. Sie dienten der Repräsentation, der Betonung architektonischer Gliederungen und besaßen häufig eine symbolische Schutzfunktion. Die prominente Stellung des Angerner Maskarons innerhalb des keramischen Aufsatzes spricht dafür, dass ihm innerhalb des Gesamtprogramms eine hervorgehobene Rolle zukam. Seine ungewöhnliche Größe deutet darauf hin, dass es gezielt als Blickfang konzipiert wurde.
Allgemeine Form
Das bedeutendste Stück der Fundgruppe ist ein großformatiges plastisches Maskaron aus grün glasierter Keramik. Die erhaltenen Fragmente ergeben eine rekonstruierte Höhe von etwa 30 cm. Das Gesicht zeigt:
- stark plastisch ausgearbeitete Augen,
- eine markante, weit vorspringende Nase,
- seitliche herzförmige Ornamentzonen,
- einen unteren Ringbügel,
- fächerförmig angeordnete Blatt- oder Rollwerkornamente.
Das Gesicht dominiert nahezu die gesamte Komposition. Im Gegensatz zu den meisten bekannten Renaissance-Maskaronen erscheint es nicht als Nebenelement innerhalb einer Kartusche, sondern bildet das eigentliche Hauptmotiv.
Augen
Die Augen sind dunkel glasiert und deutlich von der übrigen Oberfläche abgesetzt. Die bewusste farbliche Hervorhebung spricht für eine gezielte Steigerung der Fernwirkung. Sie gehören zu den auffälligsten Gestaltungselementen des gesamten Objektes.
Nase
Die Nase ist außergewöhnlich stark plastisch ausgeführt. Zwischen der Grundebene des Gesichtes und der Nasenspitze beträgt die Ausladung schätzungsweise sechs bis zehn Zentimeter. Damit überschreitet die Plastizität deutlich die Werte gewöhnlicher Reliefkacheln. Besonders bemerkenswert ist die massive Ausbildung der rückwärtigen Nasenzone. Die Konstruktion deutet darauf hin, dass die Nase nicht ausschließlich dekorative Funktionen erfüllte, sondern zugleich als tragendes Verbindungselement diente. Es erscheint plausibel, dass die Mittelachse des Gesichtes über die Nasenpartie mit einer dahinterliegenden Trägerstruktur verbunden war und dadurch einen erheblichen Teil der Last des Maskarons aufnahm.
Seitliche Ornamentzonen
Die sogenannten „Ohren“ bestehen aus herzförmigen, stark plastischen Ornamentformen. Mehrere zusätzliche Fragmente zeigen die charakteristischen herzförmigen Seitenornamente des Maskarons in identischer Größe und Ausführung. Dies spricht gegen eine rein singuläre Verwendung des Motivs und deutet auf eine wiederholte Einbindung vergleichbarer Maskaronformen innerhalb des keramischen Aufsatzes hin. Ob mehrere vollständige Maskarone vorhanden waren oder lediglich einzelne Ornamentzonen wiederholt wurden, bleibt gegenwärtig offen. Die Wiederholung identischer Seitenornamente macht jedoch wahrscheinlich, dass das Gesichtsmotiv nicht zwingend singulär war.

Ringbügel
Der untere Ringbügel gehört zu den ungewöhnlichsten Merkmalen des Befundes. Vergleichbare Ringmotive treten in der Renaissance häufig an Löwenmasken, Türklopfern, Architekturmaskaronen oder Groteskenköpfen auf. Der Ring verstärkt den repräsentativen Charakter des Objektes und deutet auf eine bewusste Anlehnung an zeitgenössische Architekturornamentik hin.
5. Rückseitige Konstruktion
Von besonderem wissenschaftlichem Interesse sind die erhaltenen Rückseitenfragmente. Sowohl die Nase als auch die seitlichen Ornamentzonen zeigen keine Kachelkästen, keine Hohlkammern und keine typischen Kastenkonstruktionen von Ofenkacheln. Die Rückseiten sind massiv gearbeitet und folgen weitgehend der plastischen Formgebung der Vorderseite. Dieser Befund spricht gegen die Interpretation als gewöhnliche Reliefkachel. Vielmehr handelt es sich wahrscheinlich um ein großplastisches keramisches Schmuckelement, das Teil eines größeren keramischen Aufsatzes war.
Besonders bemerkenswert ist die massive Ausbildung des Nasenfragmentes. Die Rückseite der Nase bildet den einzigen bislang nachweisbaren konstruktiven Ansatzpunkt innerhalb des gesamten Maskarons. Andere Befestigungs- oder Verbindungselemente konnten an den erhaltenen Rückseiten nicht festgestellt werden. Aufgrund ihrer zentralen Lage in der Mittelachse des Gesichtes, ihrer erheblichen Materialstärke sowie der außergewöhnlichen Ausladung des Reliefs von bis zu etwa 10 cm ist davon auszugehen, dass die Nasenpartie als tragendes Verbindungselement zur dahinterliegenden Ofenkonstruktion diente. Sie dürfte die statische Hauptlast des Maskarons aufgenommen und das gesamte plastische Schmuckelement mit dem keramischen Aufsatz verbunden haben.
6. Weitere Fragmente
Neben dem Maskaron umfasst die Fundgruppe zahlreiche weitere Ofenbestandteile, darunter glatte Spiegelkacheln, profilierte Gesimskacheln, Rahmenleisten, Pilasterfragmente sowie vegetabile Ornamentfelder. Die Fragmente erlauben die Rekonstruktion eines qualitätvollen, architektonisch gegliederten Kachelofens der späten Renaissance beziehungsweise des frühen 17. Jahrhunderts.
Nachweisbar sind mehrere unterschiedliche Kacheltypen, darunter reliefierte Maskenkacheln mit grotesken Gesichtern, profilierte Eckkacheln, vertikale Rahmungs- beziehungsweise Pilasterkacheln, ornamentierte Gesimskacheln sowie einfache Füll- und Spiegelkacheln. Die erhaltene Maskenkachel mit Ring im geöffneten Mund belegt die Verwendung plastischer Schmuckelemente innerhalb der Ofenarchitektur. Zahlreiche Fragmente von Akanthus- und Blattornamenten weisen auf eine reiche dekorative Gestaltung der Rahmungszonen hin. Mehrere Profilfragmente mit Karnies-, Wulst- und Hohlkehlenformen belegen mindestens ein umlaufendes Gesims, das die Ofenwandungen horizontal gliederte.
Besonders aufschlussreich sind Fragmente von Rahmen- und Pilasterkacheln, die eine vertikale Gliederung der Ofenflächen erkennen lassen. Der Ofen besaß demnach nicht die Gestalt eines einfachen, ungegliederten Heizkörpers, sondern war nach architektonischen Prinzipien aufgebaut und durch Gesimse, Pilaster und Schmuckfelder gegliedert.
Darüber hinaus wurden mehrere Fragmente stark profilierter Schmuck- und Gliederungselemente geborgen, deren ursprüngliche Funktion derzeit nicht eindeutig bestimmbar ist. Sie können sowohl zu Pilasterkacheln als auch zu Gesims- oder Frieszonen gehört haben. Aufgrund ihrer Form und Erhaltung dürften diese jedoch eher Bestandteil einer architektonischen Gliederung – etwa eines Frieses, einer Pilastergestaltung oder einer oberen Schmuckzone – gewesen sein als frei stehende Aufsatzbaluster. Die unterschiedlichen Glasuren zeigen, dass neben monochrom grün glasierten Kacheln auch polychrome Schmuckelemente mit dunkelbraunem Grund und hellgrünen Reliefauflagen verwendet wurden.
In ihrer gesicherten Grundstruktur lässt sich die Anlage somit als mehrzoniger Aufbau aus Sockelbereich, gegliedertem Hauptkörper mit Relief- und Spiegelkacheln, vertikalen Pilaster- und Rahmungszonen, umlaufenden Gesimsen sowie einer dekorativ ausgestalteten Oberzone rekonstruieren. Aussagen zur exakten Höhe, zur Zahl der Geschosse oder zur konkreten Ausbildung des oberen Abschlusses sind auf Grundlage des bislang vorliegenden Fundmaterials jedoch nicht mit ausreichender Sicherheit möglich.


7. Rekonstruktion
Die archäologischen und schriftlichen Quellen sprechen gegen die Rekonstruktion eines vollständig keramischen Großofens. Die Inventaraufnahme von 1734 beschreibt ausdrücklich:
„einen eisernen Ofen mit einem Aufsatz von bunten Kacheln“.
Die Fundgruppe entspricht dieser Beschreibung bemerkenswert gut. Am wahrscheinlichsten ist daher folgende Rekonstruktion: Der eigentliche Heizkörper bestand aus Eisen. Auf diesem befand sich ein keramischer Aufsatz aus Spiegelkacheln, Gesimsen, Ornamentfeldern und plastischen Schmuckelementen. Das Maskaron bildete wahrscheinlich den zentralen Blickfang dieses Aufsatzes.
Ob weitere Maskarone vorhanden waren, bleibt offen. Die mehrfach nachgewiesenen herzförmigen Seitenornamente sprechen jedoch für die Möglichkeit einer Wiederholung des Motivs.
8. Datierung
Die Ornamentik weist eindeutig in die Spätrenaissance. Besonders charakteristisch sind:
- die Rollwerk- und Blattformen,
- die architektonischen Profilierungen,
- die Gestaltung des Maskarons,
- die grüne Bleiglasur.
Die wahrscheinlichste Entstehungszeit liegt zwischen etwa 1580 und 1630.
9. Historischer Kontext
Die wahrscheinliche Entstehungszeit des Ofenaufsatzes fällt in die Besitzzeit Henning III von der Schulenburg (1587-1637), der nach der Teilung der Familiengüter Angern als Stammsitz erhielt. Die qualitätvolle Ausführung der Keramik, die Verwendung repräsentativer Renaissanceornamentik sowie das großformatige Maskaron entsprechen dem gehobenen Ausstattungsanspruch adeliger Wohnsitze um 1600.
Besondere Bedeutung gewinnt der Befund durch die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges. Die Burg Angern wurde 1631 im Zuge der Verwüstungen durch das Holksche Reiterregiment niedergebrannt (vgl. die Zerstörung der Burg im 30jährigen Krieg). Der Turm blieb jedoch zumindest teilweise erhalten und wurde weiterhin genutzt (vgl. Nachkriegsphase mit Turmstube 1631–1735). Sollte der Ofenaufsatz bereits vor 1631 entstanden sein, würde er zu den wenigen bekannten Ausstattungsstücken gehören, die den Brand der Burg überdauerten und noch mehr als ein Jahrhundert später in der Turmstube Verwendung fanden.
Die Inventaraufnahme von 1734, in der ein „eiserner Ofen mit einem Aufsatz von bunten Kacheln“ erwähnt wird, dokumentiert die außergewöhnlich lange Nutzung dieser Ausstattung. Der spätere Abbruch des Turmes im Jahr 1735 markiert schließlich das Ende einer Ausstattungstradition, deren Ursprünge möglicherweise noch in die Zeit Hennings III. zurückreichen.
10. Forschungsstand
Vergleichbare Maskarone sind an Renaissanceöfen des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts grundsätzlich bekannt. Die publizierten Beispiele erscheinen jedoch meist als kleinere Nebenmotive innerhalb von Friesen, Kartuschen oder Ornamentfeldern. Für das Angerner Maskaron konnte bislang kein unmittelbarer Parallelfund nachgewiesen werden. Besonders die Kombination aus Größe, Plastizität und zentraler Motivstellung besitzt innerhalb der bekannten Vergleichsbeispiele eine Sonderstellung.
11. Bewertung
Die Fundgruppe gehört zu den bedeutendsten Ausstattungsfunden der Burg- und Schlossanlage Angern. Hervorzuheben sind insbesondere das außergewöhnlich große und stark plastisch ausgeführte Maskaron, seine technisch anspruchsvolle Konstruktion sowie die seltene Verbindung von archäologischem Befund und schriftlicher Überlieferung.
Nach gegenwärtigem Kenntnisstand spricht die Gesamtheit der Befunde dafür, dass die Fragmente zu dem keramischen Aufsatz des 1734 in der Turmstube erwähnten eisernen Ofens gehörten. Das Maskaron bildete dabei wahrscheinlich das zentrale Schmuckelement der Anlage. Die Funde erlauben einen seltenen Einblick in die Wohn- und Repräsentationskultur eines adeligen Wohnraumes und gehören zu den aussagekräftigsten Zeugnissen frühneuzeitlicher Innenausstattung in Angern.
Von besonderer Bedeutung ist die außergewöhnlich günstige Quellenlage. Die Kombination aus archäologischem Befund, Inventaraufnahme von 1734 und dem dokumentierten Turmabbruch von 1735 ermöglicht eine ungewöhnlich enge Verknüpfung zwischen einem historisch überlieferten Raum, einem konkret beschriebenen Ausstattungsstück und den dazugehörigen materiellen Resten. Vergleichbare Konstellationen sind in der Burgen- und Schlossforschung nur selten nachweisbar.
Darüber hinaus fällt die wahrscheinliche Entstehungszeit des Ofenaufsatzes in die Besitzzeit Hennings III. von der Schulenburg (1587–1637). Sollte die Datierung der Keramik in das späte 16. oder frühe 17. Jahrhundert zutreffen, wäre der Ofen ein Zeugnis jener Ausbau- und Nutzungsphase der Burg, die unmittelbar der Zerstörung von 1631 vorausging. Die spätere Erwähnung des Ofens in der Turmstube legt zugleich nahe, dass einzelne Ausstattungsstücke der Renaissancezeit die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges überdauerten und noch mehr als ein Jahrhundert weiter genutzt wurden.
Die besondere wissenschaftliche Bedeutung des Befundes liegt daher nicht allein in der Qualität der Keramik, sondern in seiner Aussagekraft für die Bau-, Wohn- und Nutzungsgeschichte der Burg Angern. Der Ofenaufsatz stellt eines der wenigen greifbaren Zeugnisse der materiellen Kultur jener Burgphase dar, die unter Henning III. bestand und deren bauliche Ausstattung durch die Ereignisse des Jahres 1631 weitgehend verloren ging.